Die aktuelle Situation zeigt deutlich, dass Menschen sich mit-verantwortlich fühlen und sich engagieren. Sie bringt vielerorts wunderbare, hilfreiche Initiativen hervor.

Eine solche Initiative zum Thema betrieblicher Infektionsschutz nach dem “Exit” hat meine Aufmerksamkeit erregt und mich zum Nachdenken gebracht – über Mindsets in Managementsystemen – hier am Beispiel der Arbeitssicherheit.

Warum? Sie hat die Zielgruppe offengelassen…

„Was wir jetzt brauchen: Eine Million Infektionsschutzhelfer in deutschen Unternehmen!“

Dieser XING-Beitrag in der Gruppe „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ weckt mein Interesse. Ich lese weiter und stoße schnell auf die Aufforderung, sich als „Infektionsschutzhelfer“ ausbilden zu lassen.

Eine sinnvolle Aktion – keine Frage!

Der Zeitpunkt passt: Wer denkt gerade nicht darüber nach, wie er sich angemessen verhalten kann, um sich und andere nicht zu gefährden?

  • Wie genau lege ich für mich und uns die ausgegebenen Regeln aus?
  • Treffe ich mich (allein, als Paar oder Familie) mit anderen Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten – in gebührendem Abstand natürlich?
  • Welcher Abstand ist aus meiner Sicht nötig?
  • Wo und wann gilt es, besonders vorsichtig und rücksichtsvoll zu sein?
  • Nutze ich eine Atemmaske und/oder Handschuhe?
  • Wann und wo machen solche Sicherheitsmaßnahmen wirklich Sinn? u.s.w.

Schließlich hat jede Familie auch ältere und ggf. anfälligere Familienmitglieder, Freunde, Hausbewohner oder Nachbarn. Umsichtigkeit, eigenverantwortliches und fürsorgliches Denken und Handeln – auch über den unmittelbaren Wohnraum hinaus – sind also für viele Menschen quasi an der Tagesordnung.

Aber wer ist durch den Aufruf angesprochen? Mit welchen Folgen im Unternehmen?
Wer kann hier überhaupt den Staffelstab übergeben und vor allem an wen?

Fragen, die mich auch vor dem Hintergrund existierender Managementsysteme, Zuständigkeiten und Rollenkonflikten zwischen Stab und Linie natürlich brennend bewegen. Ich lese also weiter, erfahre mehr über die Zusammenhänge …

Ein Aufruf, vor der Rückkehr aktiv zu werden

Noch machen viele Homeoffice, manche Betriebe stehen ganz still…Aber das Ende ist abzusehen – früher oder später. Dann werden viele Kollegen wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren: nie infiziert, ggf. als stiller Träger des Virus und damit auch als potentieller, unwissentlicher Verbreiter. Auch die Risikogruppen, ggf. Ältere, ggf. mit Vorerkrankungen und besonders gefährdet werden wieder arbeiten wollen.

Es macht also wirklich Sinn, sich über die Rückkehr in den betrieblichen Alltag Gedanken zu machen.  Und darüber, wie man in dieser neuen und ungewohnten Situation Ansteckungen weiterhin vermeidet – einen gesunden Übergang schafft in einem neuen Alltag.

Jetzt bin ich neugierig… Ich mach´s!

Die Website mit Schulung

Die Schulung ist mit etwa 20 Minuten kurz, übersichtlich und eingängig aufbereitet. Am Ende kommt ein kleiner Test und Sekunden später landet ein Zertifikat über den erfolgreichen Abschluss im Mailbriefkasten. Dazu kommt noch ein Zip-Ordner mit Arbeitshilfen für die ersten Schritte: Hygieneregeln, Maßnahmen- und Reinigungspläne, Vorlagen für Arbeitsanweisungen, Unterweisungsdokumentation. Für Praktiker aus der Arbeitssicherheit bzw. der Welt der Managementsysteme nichts Neues.

Alles in allem ein Initiative, die wunderbar helfen kann, die zuhause praktizierte Umsicht und Rücksichtnahme, die soziale Mitverantwortung in´s Unternehmen zu tragen, um dort umsichtiger und sicherer in den neuen neuen, alten Arbeitsalltag zu starten.

In meinem Kopf entstehen wunderbare Ideen von Kollegen, die sich miteinander austauschen über Wissensstände und Vorsichtsmaßnahmen, sich auch hier im Betrieb verbünden in einem fürsorglichen Miteinander und verbindliche Spielregeln abstimmen für eine möglichst risikominimierte Zusammenarbeit und entsprechendes Verhalten…..

Ein Gespräch, das mich zum Nachdenken bringt…..

Nach dieser Entdeckung telefoniere ich mit einer befreundeten Führungskraft, die in einem mittelständischen Unternehmen ein Team führt und ebenfalls im Homeoffice festsitzt. Ich berichte enthusiastisch von meiner Entdeckung und der Chance, die darin für mich steckt.

Sein pragmatischer Kommentar:

„Dafür haben wir die Arbeitssicherheit. Die werden sich dann schon kümmern..“ 

Die Aussage überrascht mich! Ich muss nachdenken…

 

Mangelnde Akzeptanz?

Oft wird in Managementsystemen – einerlei ob zu Qualität, Umweltschutz, Arbeitssicherheit u.s.w. – mangelnde Akzeptanz beklagt. Man fühlt sich nicht „betroffen, zuständig“, sieht keinen Nutzen in den gegebene Regelungen und umgeht, verkürzt oder ignoriert sie – “ausnahmsweise”.

An der Betroffenheit kann es im Falle von Corona eigentlich nicht liegen. Jede/r kann sich anstecken und auch selbst andere gefährden. Der allgemeine Informationsstand zum Thema ist hoch und die sichtbare Bereitschaft allerorts, Regeln einzuhalten, mitzumachen – wenn nicht für sich selbst, so doch für andere, liegt für mich auf der Hand und ist allerorts sichtbar.

Wie kann es also dann zu dieser Äußerung kommen? Mein Gesprächspartner ist in meiner Wahrnehmung als Mensch und Führungskraft sehr umsichtig und engagiert – nimmt seine Fürsorgepflicht durchaus ernst, hat immer ein offenes Ohr für die Teamkollegen …
Wie kann es ihm so einfach fallen, die aktuell praktizierte soziale Umsicht „einzuklappen“ für ein betriebliches Mindset, dass die eigene Betroffenheit und Zuständigkeit (Verantwortung…) zurückstellt und reduziert auf (…) – ja, was denn eigentlich? Ist es

  • die übliche Arbeitsteilung mit einem „Fachmann“?
  • das klassische Stab-Linien-Rollenschema?
  • das Vorgaben abwarten, bevor man sich selbst darin einrichtet/
    sich ggf. selbst engagiert?
  • Oder ist er an anderer Stelle schon einmal vorgeprescht und gestolpert?

Wird das wohlmöglich vielerorts die betriebliche Realität in den kommenden Wochen?

 

Ein Beispiel hilft weiter

Alles Hypothesen – natürlich. Allein kann ich hier nur mutmaßen – also verabreden wir uns für ein weiteres Telefonat.

Im Gespräch wird deutlich, dass die Arbeitssicherheit hohes Ansehen genießt. Die von hier aus inszenierten Regeln sind von oberste Stelle gewollt, werden als qualifiziert eingeschätzt und im Unternehmen unhinterfragt umgesetzt. Meine Nachfrage, ob denn das reicht, ob damit alles geregelt ist, wird spontan bejaht.

Erst das gemeinsame Weiterdenken macht deutlich, dass mein Gesprächspartner als Führungskraft noch einigen offene Fragen gegenübersteht.

Wir spielen ein Beispiel durch:
Auch wenn eine Regel zukünftig lauten sollte: „Nur eine Person in einem kleinen Büros“. Wie weit dürfen Kollegen bei persönlichen Abstimmungen und kurzen Fragen im Vorbeigehen, in das Büro treten? Dürfen sie das überhaupt? Muss es für den Kollegen, der regelmäßig Blutdrucksenker nimmt (denen nachgesagt wird, dass sie den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen), Sonderregelungen geben? …

Eine unerwartete Erkenntnis

Tatsächlich wird es immer wieder Regelungslücken und Entscheidungsfreiräume geben, die für dieses Team, diese besondere Situation oder Ausnahme vor Ort betrachtet und entschieden werden müssen. Insbesondere auch, um unterschiedlichen Zielsetzungen im Unternehmen gerecht zu werden und der eigentlichen Produktivität nicht allzu sehr im Wege zu stehen.

Dieser Freiraum, der da in der Realität zu füllen ist, scheint nicht wirklich bewusst zu sein. Er wird auch von der Fachabteilung nicht thematisiert – gehört nicht zum „offiziellen“ und bewussten Organisations-Instrumentarium dazu! Meinem Gesprächspartner ist sein Einsatz jedenfalls erst im Gespräch bewusst geworden.

Dabei ist es gerade dieses Engagement von mitdenkenden Führungskräften und Mitarbeitern, das aus einer allgemeingültigen, orts-, situations- und personenfernen Regel, eine sinnvolle, passende und machbare Handlungsorientierung für das spezielle Team macht! Aus meiner Sicht ist das eine Leistung, die es viel mehr zu würdigen gilt! Auch und gerade von der Fachabteilung, die mit einer solch kleinteiligen, spezifischen Vorgabe schlicht überfordert wäre….

Auf diesem Auge sind allerdings viele Chefs und auch viele Managementsysteme und ihre fachlichen “Leuchttürme” blind. Dieser Teil des betrieblichen Geschehens findet im Schatten offizieller Vorgaben, Anweisungen und Prozesse statt. (Im Kreise der Unternehmenssoziologen spricht man wahrscheinlich auch deshalb von nützlicher Illegalität – Verweis auf Podcast).

Ich vermute, die Managementsysteme und ihre internen und externen Vertreter  forcieren dieses Denken noch. Aber warum?

Ein Grund könnte im Umgang mit schriftlichen Vorgaben sein. In den gängigen Audits wird nach Abweichungen vom Vorgegebenen gesucht und der entsprechende Tatbestand schnell zum „Fehler“ dekoriert. Vielleicht war der vermeintliche Fehler lediglich die notwendige „Übersetzungs- und Anpassungsleistung“ für dieses Team zu diese Zeitpunkt?

Vorläufiges Fazit

Die aktuelle Situation um Corona macht gerade im Privaten deutlich, dass Regeln nur so gut sind wie ihre „Übersetzer“. Der Gesetzgeber auf der einen Seite braucht den mündigen, mitdenkenden Bürger auf der anderen, um mit dieser unübersichtlichen Situation umzugehen. Und er würdigt dieses Engagement entsprechend (hier in Deutschland zumindest)!

Muss das in Unternehmen so anders sein?

Wäre es nicht eine wunderbare Chance für eine Fachabteilung wie der Arbeitssicherheit deutlich zu machen, dass das Spiel ohne mitdenkende (Führungs-)Kollegen in der Linie und ihren gesunden Fach- und Menschenverstand nicht läuft.

Vielleicht lässt so ein Mindset und dann auch endlich der Freiraum etablieren, Führungskräften in Managementsystemen die Rolle und Wichtigkeit zukommen zu lassen, die sie ja eigentlich haben – in ihrem Blickfeld und Verantwortungsbereich….

Aber hier geht es den fachlichen Experten sicher wie so mancher disziplinarischen Führungskraft, die gern mehr delegieren möchte: Loslassen, zu- und vertrauen ist eine echte Herausforderung!

Links & Verweise

Der Anstoß zu diesem Beitrag:

https://www.xing.com/communities/posts/was-wir-jetzt-brauchen-eine-million-infektionsschutzhelfer-in-deutschen-unternehmen-1019026349

Die Schulung dazu, die ich gern weiterempfehle:

https://infektionsschutzhelfer.de/

 

Wer sich weitergehend mit Akzeptanz und Wirkungsmechanismen in Managementsystem beschäftigen will…

gute Führung und Zusammenarbeit im Managementsystem

Mehr Details und Hintergrundwissen zu Arbeits- und Rollenteilung, Verantwortung und Zuständigkeiten im Managementsystemen findet sich hier.
Schauen Sie doch mal rein 😉

(Link zum pdf-Auszug auf der Seite des Verlages)

 

 

Bilder-Nachweis

alle Bilder von Pixabay