Oder: Wie du mit Musterblick, Prävention und klugen Allianzen wirksamer wirst

Viele interne Fachkräfte erleben im Alltag immer wieder die gleichen Reibungen und Konflikte in ihren Organisationen:
Alles ist wichtiger als Schutz und Sicherheit, Qualität oder andere existentielle Themen einer leistungsfähigen und resilienten Organisation.
Tempo als Ziel dominiert die Prozesse. Beratung und Unterstützung greifen erst „reaktiv“ nach einem Vorfall, statt Risiken präventiv zu mindern.

Welten, Sicht- und Arbeitsweisen prallen regelmäßig aufeinander und finden weder kontinuierliche Bearbeitung noch ein Ende im Sinne einer einmaligen richtig-falsch-Lösung.

Kurz: Die Wirksamkeit bleibt auf der Strecke.

In diesem Podcast-Gespräch mit mir erkunden Annette Gebauer und Stefan Günther – beide langjährige Organisationsberatende – auf Grundlage der modernen Systemtheorie,
  • wie´s kommt und sich in der Praxis darstellt,
  • warum ebensolche Konflikte (oder „Paradoxien“) als „Muster“ enttarnt weniger Last als Lernchance sind und
  • wie du sie nutzt, um dein Arbeitsumfeld konstruktiv und sinnvoll mitzugestalten.

Und die passende „Werkstatt“ bringen sie gleich mit…

Herzlich willkommen auf meiner Ton-Bühne:

Annette Gebauer, Dr.

  • Studium der Psychologie und Promotion in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.
  • Organisationsberaterin mit Schwerpunkt Corporate Learning, High Reliability Organizing sowie Management- und Kulturentwicklung.
  • Mehr als 20 Jahre Berufserfahrung mit Stationen in der Zukunftsforschung (IZT), klassischen Unternehmensberatung (Anderson Consulting), New Economy (Iconmedialab) und als wissenschaftlicher Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Führung und Organisation an der Universität Witten Herdecke (Prof. Rudolf Wimmer und Prof. Fritz Simon) – promoviert im Bereich Corporate Learning.
  • Seit 2003 Geschäftsführerin der ICL (Interventions for Corporate Learning) GmbH in Berlin.
  • Autorin zahlreicher Bücher und Artikel u.a. zu Corporate Learning und Innovation, Sicherheits- und Leistungskultur, kollektiver Achtsamkeit
  • mit Vorliebe für Urlaub am See …

Stefan Günther

  • Diplom‑Psychologe (Klinische & Arbeits- und Organisationspsychologie),
  • Zunächst Stationsleitung in psychosomatischer Klinik, seit den 1990er Jahren in Beratung in unterschiedlichen Konstellationen tätig,
  • seit 2010 Referent, Berater und Mitglied des Kernteams von Simon, Weber Friends, einem der führenden Beratungs- und Weiterbildungsunternehmen in der systemischen Szene,
  • breite und tiefe Beratungserfahrung in unterschiedlichsten Systemen und Kulturen mit Themen wie systemische Strategie‑ und Changeberatung im Mittelstand und Konzernen; Führungskräfte‑Entwicklung; Gestaltung von Lernarchitekturen (Safety, Qualität, Prävention); Coaching von Leitungsteams und Qualifikation von Berater:innen.
  • Mitgründer und Netzwerkpartner verschiedener Beratungsgesellschaften (osb international, ICL Berlin
  • In seiner Freizeit ist er gerne in der Natur und in Bewegung, dazu: Reisen, Lesen, Musik (auch machen..).

Einige Schwerpunkte – zumindest die Wesentlichen

  • Was sind dominante und wiederkehrende „Muster“ in der Zusammenarbeit der Expertenfunktion mit anderen Spielern und Auftraggebern der Organisation?
  • Wie entstehen sie und welche Funktion könnten sie erfüllen?
  • Welche gängigen „Muster“ und widersprüchliche Ziele („Paradoxien“) prägen den Alltag fachlicher Expert:innen nach eurer Erfahrungen?
  • Welche Zielsetzungen dominieren externe Audits und wie lässt sich damit umgehen?
  • Warum ist kontinuierliche „Auftragsklärung“ ein wesentlicher Abschnitt eurer Beratung und welche Effekte kann sie für den Folgeprozess haben?
  • Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der Arbeit an Mustern und der Klärung der fachlichen Rolle?
  • Welche Konflikte seht ihr zwischen den Fachfunktionen eines Unternehmens?
  • Wie kommt ihr auf die Idee, fachübergreifend zu arbeiten und welche Vorteile und Effekte erwartet ihr daraus für eure Werkstatt?
  • Wie ist die Werkstatt aufgebaut und was könnte folgen?

Bemerkenswertes aus dem Gespräch

  • Delegation wichtiger Qualitäts-, Schutz- und Sicherheitsaufgaben entlastet die Linie, schwächt allerdings oft die Wirkung der Expert:innen.
  • Der Schritt heraus gelingt über gemeinsame Musterbeobachtung und neue Formen der Zusammenarbeit.
  • Wirkung braucht Prävention: frühzeitige Beteiligung in Bau-, Invest- oder Change-Gremien statt spätere Rolle als ex-post-Gutachter und Blockierer.
  • Widersprüchliche Ziele / Paradoxien sind normal und Organisationen sind genau dafür gebaut, diese immer wieder erfolgreich zu balancieren.
    Besonders häufig zu beobachten: Effizienz versus Sorgfalt oder Regeln versus Flexibilität.
  • Arbeit an Widersprüchen heißt Arbeit an den Reaktions-Mustern und an wirksamen Rahmenbedingungen:
    Balanciere Arbeit IM System (Beziehung, Kommunikation, Sprache…) und AM System (Rollen, Befugnisse, Prozesse, Strukturen…)
  • Reibungen als „günstige Gelegenheiten“ erkennen, die helfen, vorbereitet zu sein und so die Zusammenarbeit zu entspannen und zu verbessern.
  • Hier anzusetzen, relevante Akteure zusammenzurufen und den „Prozess“ (= Veränderungsprozess) zu moderieren, könnte ein wichtiger Beitrag von Fachrollen zur Wertschöpfung und Zukunftsfähigkeit des eigenen Unternehmens sein. Dazu ist es manchmal hilfreich, Moderation und Expertise 2 Personen zuzuordnen.
  • Audits können auch in mehrere Richtungen funktionieren (Zwei-Systeme-Blick): „Schauseite“ (= Audit-Therater) bedienen und parallel Lernen orchestrieren.
    Manchmal ist Trennung der beiden Aspekte wertvoll.
  • Cross-funktional arbeiten, Synergien nutzen: Statt Kultur- und Ressourcen-Wettbewerb: Qualität, Safety, Innovation, HR an einen Tisch. Beauftragung und Delegation übergreifend denken.
  • Rolle der internen Expert:innen neu justieren: vom „Richtig-Falsch-Experten“ zur Moderation von Wissensbildungsprozessen, Risikoabwägung und zur Orchestrierung von Perspektiven.

Effekte einer fachübergreifenden Werkstatt:

  • Höhere Wirksamkeit und Anschlussfähigkeit durch gemeinsame Themen wie Beauftragung, Ankopplung, strukturelle Grundspannungen und neue Kooperationsformen.
  • Gemeinsame Sprache statt Fachjargon, um Verständigung zu verbessern.
  • Peer-Lernen und kollegiale Fallarbeit: „Co-Trainer“-Effekt, Follow-ups, Community unter fachlich Ungleichen und strukturell Ähnlichen.

Von Annette und Stefan auf den Punkt gebracht (O-Ton)

  • „…wirklich an eigenen Themen zu arbeiten, … nach neuen Wegen zu suchen, … jenseits der eingeschwungene Pfade.“
  • „Und die Leitfrage ist ja immer, wofür?“
  • „…das normale Muster der Expert:innen ist, sich eher unter fachgleichen Experten auszutauschen …“
  • „Also nicht nur reaktiv, sondern zunehmend präventiv positionieren. Früh gehört zu werden, um bestimmte Dinge zu sehen und zu gestalten, die andere nicht sehen.“
  • „Wir haben so einen Leitsatz: Theorie, damit es praktisch wird.“

Links & Verweise

  • Mehr zur Werkstatt für interne Experten(-funktionen) auf den Seiten von swf (Stand 16.10.25: Seite gelöscht, weil Werkstatt leider ausfällt. Schade…) und auf LinkedIn
  • Annette Gebauer auf LinkedIn
  • Annettes Unternehmenswebsite: Interventions for Corporate Learning (ICL) GmbH
  • Stefan Günther auf LinkedIn
  • Unternehmensseite von Simon Weber Friends (swf), einem der führenden Beratungs- und Weiterbildungsunternehmen in der systemischen Szene, das auf die von Prof. Dr. Fritz B. Simon und Dr. Gunthard Weber entwickelte Heidelberger Schule zurückgeht.

Erwähnte/empfehlenswerte Bücher

  • Karl E. Weick/Kathleen M. Sutcliffe: Das Unerwartete managen – Wie Unternehmen aus Extremsituationen lernen (englisches Original: Managing the Unexpected: Resilient Performance in an Age of Uncertainty 2003)
  • Timm Richter, Torsten Groth: Zwischen Inszenierung und Invisibilisierung: Systemisches Paradoxiemanagement in Organisationen 2025

  • Armin Nassehi (letzte Veröffentlichungen zu Problemen der hochdifferenzierten Gesellschaft), z.B. „Muster“ oder „Unbehagen – Kritik der überforderten Gesellschaft“

Bilder/Fotos….
Bildhintergrund von  Atanas Paskalev auf Pixabay

Erläuterung zu systemischen Vokabeln

Muster: bezogen auf Organisationen/Unternehmen: Bewältigungsstrategien, wie das Unternehmen innerhalb der Organisation und in Beziehung zur (Um-) Welt zurechtkommt.
Systemisch: wie es Unsicherheit absorbiert oder Komplexität reduziert – (weitgehend) unabhängig von der Psyche einzelner Personen
z.B. Kultur-, Regelabweichungs- sowie Ankopplungs- und Beauftragungsmuster zwischen Fachfunktionen, Führung und Operative.

Paradoxie entfalten: „Indem man systematisch die Perspektive aller beteiligten Akteure durchgeht, wird ein vielfältigeres Bild erzeugt, aus dem man unter Umständen schon Ideen gewinnen kann, wie man die Paradoxie entfalten, d. h. durch eine andere Sichtweise ablösen kann.“ (Richter, Groth: S. 43)
Das bedeutet nicht, dass man in der Regel allen Interessen der Akteure bzw. Stakeholder gerecht werden kann. Im Kern der Organisation (oder Abteilung, Team oder Person) entstehen „Unvereinbarkeiten“, die es immer wieder kreativ zu bearbeiten gilt und die gewöhnlich nicht verschwinden…

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